
Die Ackerwinde: Vom Teufelsdarm zum magischen Wetter-Orakel
Inhaltsverzeichnis
In der Natur begegnen wir dieser besonderen Wildpflanze, der Ackerwinde, oft auf kargen Schuttplätzen, Wiesen, Feldern und manchmal tief im Gebüsch. Sie fällt uns meistens gar nicht auf, weil sie sich fast unscheinbar, wie eine kleine Schlange, zu unseren Füßen entlangschlängelt.
Obwohl sie so zart wirkt, ist sie eine wahre Überlebenskünstlerin, die uns von Juni bis September ihre zarten Trichterblüten zeigt.
Der Teufelsdarm: Ein ungeliebter, aber mächtiger Name
Volkstümlich nennt man sie oft Teufelsdarm. Ein Name, der tief im alten Glauben verwurzelt ist.
Der Name rührt daher, weil sie die unheimliche Angewohnheit besitzt, sich unaufhaltsam an Getreide- und Grashalmen emporzuranken und ihre Wurzeln metertief, wie ein endloses Netz, ins Erdreich zu graben. Für den damaligen Bauer war sie nicht nur ein verhasstes Ackerunkraut, sondern ein fast unbesiegbarer Gegner, dessen Kraft man sich nicht erklären konnte.

Wetterzauber: Die Winde als Orakel
Die Ackerwinde galt seit jeher als magische Wetterpflanze, als ein kleiner Prophet am Wegesrand.
Ihre niedlichen Blüten sind wahre Sonnenkinder: Sie öffnet sie zwischen 7 bis 8 Uhr morgens und schließt sie pünktlich wieder zwischen 13 bis 14 Uhr.
- Der Regen-Melder: Wenn Regen aufzieht, schließt sie ihre Blüten. Auch bei kühlerem Wetter sollen Schließbewegungen zu beobachten sein (ich habe das leider noch nie beobachten können).
- Der Regen-Bringer: Nach einem alten Glauben aus der Schweiz durften die Blüten auf keinen Fall gepflückt werden, weil es sonst unweigerlich anfing zu regnen.
- Der Feuer-Bote: In Bern war der Glaube sogar noch unheilvoller: Wenn man einen Kranz von Winden mit ins Haus nimmt, so glaubte man, dass dieses Feuer fängt und verbrennt.

Ein vergessenes Wetter-Ritual
Um das Wetter der kommenden Woche vorherzusagen, nutzten unsere Vorfahren ein besonderes Orakel.
- Man steckt eine Winde mit drei Blüten in einen Blumentopf.
- Um sie herum wird ein Kranz von Holunderbeeren gelegt.
- Dazu kommt ein Zettelchen mit der magischen Aufschrift: Itum, Otum, Utem.
- Den Topf lässt man drei Tage lang unberührt im Freien stehen.
- Am 4. Tag um die 4. Stunde muss er geholt werden und bis 12 Uhr mittags im Zimmer bleiben.
Nun wird das Orakel gelesen:
- Ist die Pflanze gelblich und dürr geworden, so gibt es in den nächsten 8 Tagen feuchtes Wetter.
- Ist nur der obere Teil gelb, so wird am Anfang der Woche feuchtes Wetter zu erwarten sein.
- Ist die ganze Pflanze noch grün, so ist trockene Witterung zu erwarten.
Wissenskästchen
Was bedeutet Itum, Otum, Utem?
Die magischen Wörter „Itum, Otum, Utem“ haben keine wörtliche Übersetzung im modernen Sinne. Im Zauberglauben handelt es sich um sogenannte Zaubersprüche oder Zauberformeln.
Die Wörter nutzen die Vokale I-O-U. In der Magie wurden solche Vokalreihenfolgen, ähnlich wie das berühmte Abracadabra verwendet, um kosmische Ordnung und den Wandel der Zeit darzustellen.
Die drei Vokale symbolisieren hierbei den Ablauf:
- Anfang (Itum)
- Übergang (Otum)
- Ende (Utem)
Da das Ritual, das Wetter für die kommende Woche vorhersagen soll, verbildlicht die Wortfolge das Fortschreiten der Tage.
In bäuerlichen Gegenden des 18. und 19. Jahrhunderts war Latein die Sprache der Kirche, der Gelehrten und der Alchemisten. Für die bäuerliche Bevölkerung klang Latein geheimnisvoll und mächtig. Um Sprüchen eine magische Wirkung zu verleihen, erfand man oft Wörter, die wie Latein klangen.
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