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Der Atzmann: Das Rachepüppchen unserer Ahnen
In diesem Beitrag möchte ich euch ein Altes Wissen unserer Vorfahren vorstellen, und zwar den Atzmann. Der Atzmann soll seinen Ursprung im Hoch- bis Spätmittelalter haben und wurde noch weit bis in die Neuzeit verwendet.
Der Atzmann ist ein kleines Rachepüppchen, vergleichbar mit der bekannten Voodoopuppe aus der Karibik.
Wachs, Lehm und die Taufe: Die Herstellung
Ein Atzmann wurde aus Wachs, Lehm, Ton oder Holz hergestellt, aber auch gebacken gab es ihn. Er wurde eigentlich nur für den Schadzauber verwendet, wenn es um die Themen, wie Rache, enttäuschte Liebe oder Hass ging.
Am meisten wurde er aus Wachs geformt. Dazu schmolz man Kerzenwachs und formte ein kleines Püppchen daraus.
- Die Taufe: Wenn das Wachs wieder hart geworden war, ritzte man ihm auf den Rücken den Namen des Menschen, der dieser Atzmann sein sollte. Es war sozusagen die Taufe dieses Rachepüppchens.
- Die Nadeln: Man nahm aber auch Nadeln und durchbohrte die Stellen, wo man Schmerzen übertragen wollte.

Sturm und Feuer: Die Verbindung zum Opfer
Die Menschen im Mittelalter, aber auch in der Neuzeit glaubten, dass der Atzmann mit dem Menschen, den er repräsentieren sollte, in einer Beziehung stand und alles, was man dem Atzmann antat, auch mit diesem Menschen geschieht.
Die Rituale der Rache:
- Er wurde verbrannt oder geschmolzen.
- Er wurde durchbohrt.
- Oder er wurde an einer Schnur an einen Baum gehängt und durch den Wind hin und her bewegt, bevorzugt bei Stürmen, sodass der betroffene Mensch in seinem Leben nie mehr zur Ruhe kommt. Er wurde sozusagen durchgeschüttelt.
Aus dem Schwäbischen ist heute noch ein Spruch bekannt: „Jemandem einen Atzmann in den Hafen setzen.“ Also jemandem Schaden zufügen. Dieser Brauch der Rachepüppchen ist auch aus Österreich und Bayern im 17. Jahrhundert bekannt.
Berühmte Fälle:
- Die bekannteste Person war Katharina von Medici, die in einem Bildnis vom Hugenottenführer Coligny Schrauben drehen ließ, um ihn zu töten.
- Eberhard von Trier soll wegen eines geschmolzenen Wachsbildes zu Tode gekommen sein.
Schatten der Vergangenheit: Hexenprozesse und Geständnisse
Anno 1677 ist ein Hexenprozess aus Anderberg in der Untersteiermark (heutiges Slowenien) bekannt. In diesem Prozess gesteht Ursula Vurischigkhin, die mit Hilfe des Atzmanns, den Menschen Krankheit und Tod angehext haben soll.
Unter schlimmster Folter gab sie bekannt:
„…dass sie ein kleines Mändl von Lehm oder Kot formiert gehabt und wann sie dasselbige mit einer Nadel in ein Glied oder in Leib gestochen, also sei derjenige Mensch, dem sie die Hexerei anzutun verlangt, auf einem solchen Glied krumm und lahm oder aber im Leib krank geworden, wann sie aber besagtes Kot-Mändl am Kopf im Schlaf gestochen, also habe der Mensch gar sterben müssen.“
Ursula wurde „mit dem Brand vertilgt“.
Der Fund unter der Schwelle: In Fritz Byloffs Buch über die Innsbrucker Hexenprozesse heißt es in einer beeidigten Zeugenaussage vom 17. Oktober 1485 der Gertrud Rotin, der ein Nachbar den Rat gegeben hatte, unter der Schwelle nachzugraben:
„Als nun mein Gatte in Gegenwart und unter Beihilfe des Nachbarn dies tat, fanden sie unter der Türschwelle ein handgroßes Wachsbild, darstellend ein Weib, durchstochen und voll von [Löchern]. Auch steckten in dem Wachsbild zwei Nadeln, die eine in der Richtung von der Brust zur linken Schulter, die andere in der Richtung von der Brust gegen den Rücken; in eben diesen Richtungen aber empfand ich die allerbittersten Schmerzen, obwohl ich auch sonst am ganzen Leibe von Leiden geplagt wurde, wie auch das Wachsbild nach allen Seiten durchstochen war.“
Von Kirchenfiguren und Glückspüppchen
Es gab auch den Ausdruck Atzmann für Pultträgerfiguren großer Domkirchen. Der Glaube dahinter war, dass diese Figuren böse Geister seien und man sie sozusagen „zahm“ gemacht hat.
In der Überlieferung unserer Vorfahren wurde jedes Ereignis, das nicht ganz klar und als selbstverständlich erschien, durch Zauberei erklärt.
Ein Gedanke zum Schluss: Aber vielleicht könnte man auch aus dem Atzmann anstatt einer Rachepuppe ein Glückspüppchen machen? Indem man ihn pflegt oder ihn wie die Alraunenwurzel wäscht, in ein rotes Mäntelchen hüllt und in einem wertvollen Kästchen aufbewahrt?
Wenn ihr euch so ein Rachepüppchen herstellt, seid bitte vorsichtig, denn man weiß nie, was dahintersteckt…!


