
Familienname Lottermoser: Zwischen Bergmoor & Ostpreußen
Inhaltsverzeichnis
Manche Familiennamen tragen die Landschaft ihrer Urheimat wie ein unauslöschliches Siegel in sich. Wenn wir in das alte Ahnenwissen eintauchen, begegnet uns mit dem Namen Lottermoser ein klangvolles Zeugnis aus den hoch gelegenen Tälern der Alpen.
Er gehört zu den traditionsreichen Wohnstättennamen, die einst genau beschrieben, wie das Stück Erde beschaffen war, auf dem der erste Hof einer Großfamilie stand. Zerlegt man den Namen in seine beiden uralten Bestandteile, steigt vor unserem inneren Auge das Bild einer stillen, verwunschenen Gebirgslandschaft auf:
- Die Hüter des Moores (Endung -moser): Im mittelhochdeutschen und alpinen Sprachraum steht das Wort Moos (mittelhochdeutsch mos) nicht nur für die weichen, grünen Polster an den Baumstämmen des Waldes, sondern für ein Moor, Sumpfgebiet oder feuchtes Torfland. Ein Moser war ein Mensch, der direkt am Rande eines solchen Bergmoores siedelte und mit den Gesetzen dieser nebligen Übergangswelt zwischen Wasser und Erde vertraut war.
- Der federnde Torfboden (Vorsilbe Lotter-): Bevor das Wort lotter im späteren Sprachgebrauch auf Menschen übertragen wurde, bedeutete das alte Grundwort loter in der Naturbeschreibung schlicht locker, weich, nachgiebig oder beweglich. Ein Lottermoos bezeichnete in der alten Überlieferung ein weiches, trügerisches Moor oder einen sogenannten Schwingrasen, also eine federnde Torfdecke, die unter den Schritten der Wanderer sanft nachgibt.
- Das Moor des Lothar: In manchen Alpentälern entstand der Name auch aus der Verbindung mit dem alten Rufnamen Lothar (Liuthari) und beschrieb dann jenes Moorstück, das zum Gehöft eines frühen Ahnherrn dieses Namens gehörte.

Hofrecht & Wurzelkraft: Über 200 Jahre auf dem Lottermoos
Meine eigene Ahnenlinie der Familie Lottermoser führt uns zurück bis in das Jahr 1380. Tief in das Spätmittelalter, hinauf in die rauen Bergwälder von St. Johann im Pongau im Salzburger Land. Über Jahrhunderte hinweg trotzten meine Vorfahren dort oben als Bergbauern den langen Wintern und rangen dem kargen Boden am Lottermoos ihr tägliches Brot ab.
In den alten Aufzeichnungen dieser ersten Generationen offenbart sich ein faszinierendes Stück alpines Brauchtum:
Als der Hof stärker war als der Name (1470–1525): Nach vier Generationen männlicher Hoferben brachte Georg Lottermoser eine Tochter namens Eva zur Welt, die den Bergbauern Christian Laerff heiratete. Nach altem Alpenrecht war der Name des uralten Stammhofes jedoch mächtiger als der Familienname des eingeheirateten Mannes: Ihr gemeinsamer Sohn Leonhard trug nicht den Namen Laerff weiter, sondern wurde wieder zum Lottermoser.
Der Abschied vom Urhof: Mehr als zweihundert Jahre lang hütete die Familie ununterbrochen das Lottermoos. Erst unter George Lottermoser (1560–1630) und seinem Sohn Joannis verließen sie den ursprünglichen Stammsitz und schlugen auf den benachbarten Berghöfen Puergstein (Birkstein), Ainsperger Zech, Altaschegg und Vorderansperch neue Wurzeln.

Verborgene Bibeln & Stille Treue: Ein Jahrhundert im Untergrund
Das bewegendste Kapitel dieser Chronik beginnt in den Jahren 1613 bis 1617, als die unerbittliche Gegenreformation mit voller Wucht in die Salzburger Gebirgstäler einzog. Meine Vorfahren George Lottermoser und seine Frau Anna Zeferer sollten ihrem evangelischen Glauben abschwören; doch sie beugten sich nicht.
Was die Familie in jenen dunklen Jahren durchlebte, zeugt von einer fast unvorstellbaren seelischen Standhaftigkeit:
- Kapuziner und Soldaten im eigenen Haus: Um den unbeugsamen Willen der Bergbauern zu brechen, griff die katholische Obrigkeit zum Zwangsmittel der Einquartierung. Man setzte George und seiner Familie Kapuzinermönche und bewaffnete Soldaten direkt in die Bauernstube, die auf Kosten des Hofes verpflegt werden mussten und die Hausbewohner Tag und Nacht bedrängten.
- Das Geheimnis der Wiederbekehrten: Auf den amtlichen Pergamenten der Kirche galten George und seine Familie schließlich als wiederbekehrt. Doch die überlieferte Chronik beweist das Gegenteil: Sie gaben ihren Glauben nicht preis, sondern trugen ihn in die Stille ihrer Herzen.
- Hundert Jahre unter den Dielenbrettern: Über vier Generationen hinweg, von 1617 bis 1731, lebten Joannis, Ruperti und wieder Joannis Lottermoser auf dem Hof Birkstein als sogenannte Geheimprotestanten. Während sie nach außen hin den Schein wahrten, versteckten sie ihre Schriften unter Dielenbohlen, im Dachgebälk oder im Heu und gaben ihr Wissen bei Kerzenschein im Verborgenen an ihre Kinder weiter.

Von den Alpen nach Kinderweitschen: Das Erbe der Salzburger Exulanten
Als im Winter 1731/1732 das große Ausweisungsedikt des Salzburger Fürsterzbischofs erging, brach das über ein Jahrhundert gehütete Geheimnis endlich ans Licht. Über 20.000 Menschen verließen lieber ihre geliebten Berge, als ihre Überzeugung zu verraten. Unter ihnen war auch mein Vorfahre Johann Lottermoser (1715–1781), der sich als junger Mann von kaum siebzehn Jahren auf den entbehrungsreichen Marsch nach Ostpreußen machte, um das nach der Großen Pest verwaiste Land neu zu besiedeln.
Auch in der neuen Heimat im Osten leuchtet das unsichtbare Band der Ahnen auf wunderbare Weise weiter:
- Eine Liebe über zwei Jahrhunderte (Forstreuther): Bereits im 16. Jahrhundert hatte Ruprecht Lottermoser (1525–1585) im Salzburger Pongau eine Elise Forstreuther geheiratet. Fast zweihundert Jahre später, nach dem langen Treck quer durch Europa, reichte Johann Lottermoser in Ostpreußen wieder einer Maria Forstreuther die Hand zum Bund fürs Leben! Die Nachfahren derselben benachbarten Bergbauernfamilien waren gemeinsam in die Fremde gezogen und fanden unter dem weiten Himmel des Ostens wieder zueinander.
- Neue Wurzeln als Wirt in Kinderweitschen: Im Dorf Kinderweitschen (Kreis Stallupönen/Ebenrode) fand die Familie ihre neue Scholle. Als Josef Lottermoser (1743–1784) dort eine Sarah Brandstätter, ebenfalls ein Kind der Salzburger Exulanten, heiratete, trug er den stolzen Titel Wirt (Bauer). In der ostpreußischen Schriften bedeutete dies keinen Schankwirt, sondern den selbstständigen Hofbesitzer über eigenes Land.
- Die Verschmelzung der Linien: Als Josefs Tochter Martha Lottermoser in Kinderweitschen schließlich dem Leinenweber Johann Adam Dammin (Demmin) das Ja-Wort gab, floss das unbeugsame Blut der Salzburger Bergbauern direkt in meine Familie Dammin ein.

Lebendiges Erbe: Meine Ahnenlinie
🍂 Lottermoser 1380-1435 St. Johann im Pongau ♾️ N.N. | Beruf: Bergbauer auf Lottermoos
🍂 Christian Lottermoser 1410-1460 St. Johann im Pongau ♾️ N.N. | Beruf: Bergbauer auf Lottermoos
🍂 Nikolaus Lottermoser 1435-1480 St. Johann im Pongau ♾️ N.N. | Beruf: Bergbauer auf Lottermoos
🍂 Georg Lottermoser 1460-1505 St. Johann im Pongau ♾️ N.N. | Beruf: Bergbauer auf Lottermoos
🍂 Christian Laerff 1470-1525 St. Johann im Pongau ♾️ Eva Lottermoos | Beruf: Bergbauer auf Lottermoos
🍂 Leonhard Lottermoser 1505-1555 St. Johann im Pongau ♾️ Frieda N.N. | Beruf: Bergbauer auf Lottermoos
🍂 Ruprecht Lottermoser 1525-1585 St. Johann im Pongau ♾️ Elise Forstreuther | Beruf: Bergbauer
🍂 *George Lottermoser 1560-1630 St. Johann im Pongau ♾️ Anna Zeferer | Beruf: Bergbauer auf Lottermoos, später auf Puergstein
🍂 Joannis Lottermoser 1600-? St. Johann im Pongau ♾️ Catharina Burgschwaiger | Beruf: Bergbauer auf Ainsperger Zech (1623), Altaschegg (1623), Vorderansperch (1624), Birkstein (1630)
🍂 Ruperti Lottermoser 1633-1701 St. Johann im Pongau ♾️ Barbara Hoelzl
🍂 Joannis Lottermoser 1678-? St. Johann im Pongau ♾️ Christine Stainer | Beruf: Bergbauer auf Birkstein
🍂 Johann Lottermoser 1715-1781 St. Johann im Pongau/Kinderweitschen (Ostpreußen) ♾️ Maria Forstreuther
🍂 Josef Lottermoser 1743-1784 Kinderweitschen ♾️ Sarah Brandstätter | Beruf: Wirt (Bauer)
🌾 Martha Lottermoser 1773-? Kinderweitschen ♾️ Johann Adam Demmin
*(In der Zeit von 1613 bis 1617 sollte diese Familie den Protestanten abschwören. Weil sie es nicht taten, bekamen sie Kapuzinermönche und Soldaten ins Haus. Diese Familie gehörte zu den Wiederbekehrten.)
🪔 Auf alten Pfaden weiterwandeln:


