
Rummelpott: Von Geisterschiffen, den Zwölften & alten Liedern
Inhaltsverzeichnis
Als Kinder sind wir jedes Jahr am Silvesterabend voller Vorfreude Rummelpott gelaufen. Wir schlüpften in bunte Kostüme, schminkten uns schaurig-gruselig, und dann ging es los in die Dämmerung. Mein Vater begleitete uns jedes Mal, weil er uns Kinder nicht allein durch das dunkle Dorf ziehen lassen wollte. Wir hatten einen unbändigen Spaß, und unsere Ausbeute war am Ende des Abends riesig. Manchmal bekamen wir neben all den Süßigkeiten sogar Geld zugesteckt.
Damals zogen wir, wie die meisten Kinder in Norddeutschland und Hamburg zu Silvester oder Fastnacht, allerdings schon ganz ohne ein echtes Instrument von Tür zu Tür. Kaum jemand von uns hatte jemals einen echten Rummelpott mit eigenen Augen gesehen. Doch allein dadurch, dass der alte Name für unseren Silvesterbrauch lebendig blieb, ist dieses seltsame, geschichtsträchtige Instrument bis heute nicht in Vergessenheit geraten.
Rummel, rummel rögen,
gif mi´n beten in´n Pöten,
lat mi ni to lang stahn,
ik mutt noch´n Hus wieder gahn.
Was ist eigentlich ein Rummelpott? Der Klang, der die Geister vertreibt
Der Rummelpott ist eine urtümliche Reibetrommel, die über Jahrhunderte hinweg im gesamten niederdeutschen Raum bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in der tiefen Winterzeit erklang.
- Der Aufbau: Als Klangkörper diente den Kindern ein alter Steinzeug- oder Blumentopf (ein historisches Museumsstück besteht zum Beispiel aus einem schwarzen, schwach gebrannten Tontopf von 16 cm Durchmesser und 13 cm Höhe). Über die Öffnung wurde eine eingeweichte Schweins- oder Ochsenblase gespannt.
- Der Stab in der Mitte: Mitten in die feuchte Blasenhaut steckte man aufrecht ein Stück hohles Schilfrohr oder einen kurzen geschälten Weidenstock ein und ließ die Haut stramm trocknen.
- Das Geheimnis des Klangs: Klemmte man sich den Topf unter den linken Arm fest gegen die Brust und strich mit der angefeuchteten rechten Hand, am Stab auf und ab, entstand ein stark schwingender, dumpf brummender und dröhnender Ton.
- Schutz vor dunklen Mächten: Dieser unheimliche Lärm, der oft mit dem Ruf einer Eule oder dem Knurren des Waldteufels verglichen wurde, hatte im Alten Glauben eine tiefe Bedeutung. Mit dem dumpfen Dröhnen sollten in den dunkelsten Nächten des Jahres schädliche Geister und Dämonen von den Höfen verscheucht werden.

Viele Namen, viele Bräuche: Wo und wann wurde gerummelt?
Das Wort selbst wurzelt im niederdeutschen rum’l, rumeln oder rummele und beschreibt ein dumpfes, rollendes Getöse oder Gepolter. Je nach Landstrich trug das Instrument im Volksmund ganz eigene Namen und gehörte zu unterschiedlichen Festtagen.
Namen im Norden & Westen: Zwischen Weser- und Elbmündung, in der Elbmarsch, im Alten Land, in Hamburg sowie in ganz Schleswig-Holstein und auf den nordfriesischen Inseln hieß er Rummelpott oder Rummelputt. In Ostfriesland nannte man ihn Hukelpott oder Hukepott, im Emsland Huttefutte und in Westfalen sowie im westlichen Niedersachsen Fukkepott oder Funkepott. Auch in Südholland, im Limburger Land sowie in Nordschleswig bis hinauf nach Jütland war der Brauch fest verwurzelt.
Jede Region hatte ihre eigene Rummel-Zeit: Während das Rummeln auf der Insel Fehmarn ursprünglich ein reiner Weihnachtsbrauch war, zogen die Kinder in Holstein, Dithmarschen, Angeln und rund um Flensburg zu Silvester und Neujahr los. In den Vierlanden und den Deichgegenden an der Elbe kamen die Rummelkinder am Fastnachtstag, und in Ostfriesland zogen Jungen mit dem Topf nicht nur um Weihnachten und in der Fastenzeit, sondern sogar noch in der Karwoche durch die Dörfer.
Die soziale Wurzel: Drei Feste des Teilens im dunklen Winterhalbjahr
Hinter dem fröhlichen Singen an den Haustüren stand in früheren Jahrhunderten auch eine ganz handfeste soziale Fürsorge innerhalb der Dorfgemeinschaft. Im Sommer, wenn die Natur reichlich Nahrung schenkte und die Arbeit auf den Feldern und mit den Tieren Jung und Alt in Atem hielt, gab es keine Bittumgänge.
In der dunklen Jahreszeit der kurzen Tage hingegen zogen vor allem die Kinder ärmerer Familien, die keine eigenen Vorräte einlagern konnten, zu drei großen Wendepunkten des Jahreskreises mit ihren alten Liedern vor die Höfe der wohlhabenden Bauern, um ihren Teil für ein fröhliches Fest einzufordern.
- Zum Martinsfest (11. November): Nach der großen Ernte sollten die Reichen von ihren vollgepackten Herbstspeichern an die Armen austeilen.
- In der Zeit der Zwölften (Weihnachten bis Dreikönig): Mitten im tiefsten Winter sorgten die Gaben dafür, dass auch in den kleinen Katen gefeiert werden konnte.
- Zum Ende des Winters (Fastnacht oder Ostern): Wenn die Vorräte im Dorf zur Neige gingen, manchmal schon bitterer Mangel herrschte und alle sehnsüchtig den Frühling herbeisehnten.
Im 19. Jahrhundert geriet dieses alte Brauchtum in den Städten und Dörfern zunehmend unter Druck: Die Obrigkeit und die Polizei verboten das Sammeln vielerorts wegen angeblicher Ruhestörung, ausgelassener Streiche und weil wohlhabende Bürger ihren Geldbeutel lieber verschlossen hielten. Auch das gehobene Bürgertum verurteilte den Brauch damals als nicht mehr zeitgemäß und doch ließ sich die Tradition im Herzen Norddeutschlands nicht auslöschen.

Die Magie der Zwölften & das Rätsel um das Schiff aus Holland
Besonders tief reicht das Ahnenwissen rund um den Rummelpott in den Zwölften, den Rauhnächten vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Seit der Wintersonnenwende, in der die Sonne scheinbar stillsteht, bis zu dem Tag, an dem ihr Lauf wieder sichtbar vorrückt, standen die Tore zwischen den Welten nach alter Überlieferung weit offen.
Die Ruhe der Spinnräder & Frau Holle: Wie schon beim vorchristlichen Julfest musste in diesen zwölf heiligen Nächten im Norden und in Skandinavien alle schwere Arbeit ruhen. Vor allem das Spinnen und das Wäschewaschen. Wer dagegen verstieß, zog den Zorn von Frau Holle auf sich. Bis ins 19. Jahrhundert hielt sich der feste Glaube, dass in einer Familie, die zwischen den Jahren Wäsche wäscht, im kommenden Jahr ein Todesfall eintritt, weil sich die alten Götter in der Unterwelt für diesen Frevel rächen.
Wunder & Geisterstunden: Man erzählte sich an den Herdfeuern, dass in diesen Nächten Wasser zu Wein werde, Felsen sich öffneten und ihre Schätze zeigten, die Tiere im Stall miteinander sprachen und die Verstorbenen aus der Anderswelt aufstiegen.
Schutz vor der Wilden Jagd: Durch ihre seltsamen Verkleidungen und den dröhnenden Klang des Rummelpotts waren die umherziehenden Kinder vor dem unheimlichen Geisterheer, der Wilden Jagd Wodans, geschützt.
Dabei sangen die Kinder im ganzen Norden das berühmte Lied vom Schiff aus Holland, für dessen Ursprung es zwei spannende Deutungen gibt:
Die mythologische Deutung: Das Toten- und Lebensschiff aus Hel-land
Sprach- und Mythenforscher vermuten hinter dem Schipp van Holland ein uraltes Schiff aus Hel-land, also aus dem Reich der nordischen Unterweltgöttin Hel. So wie unsere Vorfahren in ältester Zeit ihre Verstorbenen in Schiffen dem Meer übergaben, damit sie ins Reich der Hel hinübertreiben, so kehrte nach dem Alten Glauben im Frühjahr auch die neue Lebenskraft wieder aus dieser Anderswelt zurück. Der bauchige Rummelpott selbst könnte demnach ein Sinnbild dieses mythischen Schiffes sein, wobei die hell gespannte Schweinsblase das Segel und der Stab den Schiffsmast darstellt.
Die historische Deutung: Der Weg der Seeleute aus den Niederlanden
Eine zweite Erklärung führt direkt ins echte Holland. Von den Niederlanden aus soll sich der Brauch entlang der Küsten und Flüsse über das Emsland und die Vierlande über die Elbe bis nach Schleswig-Holstein und Niedersachsen verbreitet haben. Dafür spricht, dass der Rummelpott schon im 17. Jahrhundert in der niederländischen Malerei auftaucht. Der berühmte Maler Jan Steen (1626–1679) stellte das Instrument in seinem Gemälde Twelfth Night 1668 ausdrucksstark mitten ins Zentrum der Szene.

Die alten plattdeutschen Rummelpott-Lieder im Original
In den verschiedenen Landstrichen Schleswig-Holsteins wurde das Lied vom Schiff in leicht abgewandelten Mundarten gesungen. Es gibt noch unzählige andere Lieder, aber die hier alle aufzulisten, würde den Rahmen sprengen.
Überlieferte Fassung I:
Fru , mak de Dæhr op,
Un lat de Rummelpott in.
Dår kommt en Schipp von Hålland,
Dat hädd en moje Wind.
Schipper, wollt du wieken,
Bootsmann, wollt du strieken?
Sed en Sägel op de Tåpp,
Gimmi wat in de Rummelpott.
Lat mi nich to lang stahn,
Ick kann någ en bät wieder gahn.
Überlieferte Fassung II:
Fru , mak de dör apen,
de rummelpott will in.
Da kümt en schip van holland ,
de het ken gode wint,
de stürman will mi wisen,
de schipper will mi prisen,
set de segel up in de top
un gif mi wat in’n rummelpott!
Hochdeutsche Übersetzung zum Verständnis:
Frau, mach die Tür auf, / und lass den Rummelpott herein. / Da kommt ein Schiff von Holland, / das hat einen schönen Wind. / Schiffer, willst du weichen (ausweichen), / Bootsmann, willst du streichen (die Segel einholen)? / Setzt ein Segel auf die Spitze (den Masttop), / gib mir was in den Rummelpott! / Lass mich nicht zu lange stehen, / ich kann noch ein bisschen weitergehen.

Altes Handwerk: Wie man einen Rummelpott & Brummtopf selbst baut
Wer einen Rummelpott heute noch einmal nach historischem Vorbild nachbauen möchte, braucht nur wenige Materialien und etwas Geduld beim Trocknen.
Materialien für den Rummelpott:
- 1 Ein Tontopf, ein Metalltopf oder eine Blechdose
- 1 Schweins- oder Ochsenblase
- 1 Holzrundstab, ein Bambusstab oder für die beste Schallübertragung ein hohler Rohrstab aus Schilfrohr
- 1 Einweck-Gummiring, sowie zwei längere, reißfeste Bänder
- 20 getrocknete Erbsen (optional)
Schritt-für-Schritt-Anleitung:
Vorbereiten der Blase: Die Blase wird gründlich in Salzwasser gereinigt und anschließend gut im Wasser eingeweicht, bis sie geschmeidig ist.
Zuschneiden & Weiten: Vom unteren Teil der Blase schneidet man ein etwa 2 cm breites Stück ab und dehnt die Haut vorsichtig mit den Händen vor, sodass sie über die Topföffnung passt. Das macht man am besten zu zweit. Ein hält die Blase fest und der andere weitet sie etwas. Mittig schneidet man einen kleinen Schlitz hinein.
Die Füllung: Nun füllt man die 20 Trockenerbsen in den leeren Topf. Es ist optional. In manchen Gegenden wurde sie verwendet. Man muss es aber nicht.
Spannen & Befestigen: Dann zieht man die feuchte Schweinsblase samt Stab, den man vorher durch den Schlitz gesteckt hat, straff über den Topf, fixiert sie zuerst mit dem Einweckgummi und schnürt sie anschließend mit dem festen Band kräftig fest. Am besten auch hier zu zweit arbeiten. Die Straffheit der Tierblase ist sehr wichtig.
Trocknen & Versiegeln: Danach muss der Rummelpott 14 Tage lang in Ruhe trocknen. Dabei zieht sich die Haut von ganz allein trommelstraff zusammen.
Spielen & Aufbewahren: Nach dem Trocknen nimmt man den Stab zwischen den angefeuchteten Daumen und Zeigefinger und reibt ihn in Längsrichtung auf und ab, bis der tiefe Rummelton erklingt. Wichtiger Tipp: Den Rummelpott niemals im warmen, geheizten Zimmer lagern, sondern immer kühl aufbewahren. So hält die Haut über viele Jahre!
Der kleine Bruder: Der Brummtopf (auch Waldteufel genannt)
In manchen Regionen wurde der Rummelpott vom schrillen Klang des Brummtopfs oder Waldteufels begleitet. Dafür spannt man ein Stück Schweinsblase über einen kleinen Pappbecher. Durch die Mitte der Haut zieht man ein Bündel Pferdehaare oder einen festen Faden nach außen und knüpft das andere Ende mit einer lockeren Schlinge in die eingekerbte Rille eines Holzstocks. Reibt man diese Rille zuvor mit Baumharz ein und wirbelt den Topf am Stock kreisförmig durch die Luft, entstehen durch die Reibung der Schlinge am Harz durchdringende, knarrende und schwirrende Töne.


Wissenskästchen
Was ist eigentlich ein Heischebrauch?
Das Rummelpottlaufen gehört kulturgeschichtlich zu den sogenannten Heischebräuchen:
Der Begriff leitet sich vom alten mittelhochdeutschen Wort eischen ab, was so viel wie fordern, erbitten oder verlangen bedeutet. Dabei zogen Gruppen, meist Kinder oder Jugendliche, von Haus zu Haus, trugen Lieder, Reime oder Segenswünsche vor und erhielten im Gegenzug Süßigkeiten, Gebäck, Eier, Speck oder Münzen.
Kein Betteln, sondern ein alter Tauschhandel: Ein Heischebrauch unterscheidet sich grundlegend vom bloßen Betteln. Ihm liegt das uralte Prinzip der Gegenseitigkeit zugrunde (Do ut des – Ich gebe, damit du gibst). Die Kinder brachten den Hausbewohnern eine wertvolle geistige Gabe, sie wünschten Glück, sangen den Haussegen herbei oder vertrieben mit ihrem Lärm symbolisch die bösen Wintergeister und haben sich dafür ihren Lohn redlich verdient.
Bekannte Heischebräuche, die wir heute noch kennen:
Rummelpottlaufen (Silvester): Der klassische norddeutsche Jahresendbrauch mit Kostümen und plattdeutschen Liedern.
Martinisingen & Martinssingen (10. / 11. November): Im Norden ziehen Kinder am Vorabend von St. Martin (dem evangelischen Martinisingen am 10. November) oder am katholischen Martinstag (11. November, regional auch Grippschen oder Dotzen genannt) mit ihren Laternen von Tür zu Tür, um Gebäck und Süßes zu ersingen.
Sternsingen (6. Januar): Als Heilige Drei Könige gekleidet, bringen Kinder zum Ende der Zwölften den Kreidesegen (C+M+B) an die Haustüren und sammeln Spenden.
Fastnachts- & Karnevalsbräuche: Beim Zampern in der Lausitz oder in der schwäbisch-alemannischen Fasnet ziehen Narren durch die Dörfer und heischen Eier, Speck oder Schnaps für das gemeinsame Fest.
Halloween (31. Oktober): Das moderne Süßes oder Saures (Trick or Treat), das über irisch-amerikanische Wurzeln zu uns zurückkam, folgt exakt demselben alten Muster.
Neujahrsgrüße der Handwerker: Selbst wenn Schornsteinfeger zum Jahreswechsel kleine Glückskalender überreichen und ein gutes neues Jahr wünschen, lebt darin das alte Prinzip des glücksbringenden Heischebrauchs weiter.
🪔 Auf alten Pfaden weiterwandeln:


