Pflanzengeister & Wurzelkraft

Dunkle Pflanzenmagie: Das Geheimnis der Tollkirsche

Im deutschen naturmagischen Pflanzenglauben spielte die Tollkirsche keine so große Rolle. Jedenfalls kommt sie vor dem 12. Jahrhundert in Deutschland nicht vor und ist auch keine altgermanische Zauberpflanze, wenn sie auch im heutigen Deutschland vorkommt. Dagegen war sie ein sehr bekanntes Zaubermittel in Südosteuropa, wo man sie der Alraune gleichgesetzt hatte. In den berühmten Hexensalben spielte sie zudem eine große Rolle.

Die dunkle Schöne & ihre vielen Namen

Der deutsche Name sowie ihr Botanischer (Atropa belladonna) deuten auf die Giftigkeit dieser Pflanze hin. Atropa stammt aus dem Griechischen und deutet an, dass der Tod nach dem Genuss dieser Pflanze unabwendbar sei. Die Bezeichnung Tollkirsche führt die Pflanze, weil ihre schönen, kirschähnlichen und zum Genuß einladenden Beeren von sehr nachteiliger Wirkung für den Menschen sind. Der lateinische Beiname belladonna bedeutet schöne Frau.

Am Niederrhein und in Schweden kannte man sie unter einem besonders ehrfurchtsvollen Namen: der Walkerbeere oder Walkürbeere. Dieser Name erinnert an die nordischen Walküren, denn jeder, der von ihr aß, wurde unweigerlich aus dem Leben gerissen.

Volkstümliche Namen, die ihr tiefes Wesen beschreiben, gibt es reichlich:

  • Schlafbeere
  • Schlafkraut
  • Wolfsauge
  • Teufelskirsche
  • Rasewurz
  • Wutbeere
  • Waldnachtschaden
Eine wunderschöne Tollkirschenblüte | ©CG

Die Tollkirsche in Südosteuropa

In den weiten Wäldern und Berglandschaften Südosteuropas war der Umgang mit der Tollkirsche in feste, rituell geprägte Handlungen eingebunden. Sie galt als machtvolles Werkzeug für Liebe, Glück und Schutz.

Rumänien: Wenn ein junges Mädchen beim Faschingstanz die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte, suchte sie an einem Sonntag die Tollkirsche auf. Sie grub die Wurzel aus und hinterließ dem Pflanzengeist als tiefes Zeichen des Respekts ein Opfer aus Brot, Salz und Branntwein. Die Wurzel musste schweigend auf dem Kopf nach Hause getragen werden. Jeder Zank auf dem Weg war verboten, und auf Nachfragen durfte niemals die Wahrheit gesagt werden, um die Magie der Pflanze nicht zu brechen.

Siebenbürgen: Hier kannte man die Pflanze als Matreguna. Um ihre Zauberkraft zu erhalten, durfte sie ausschließlich vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang ausgegraben werden. Zog man sie als Glückspflanze im eigenen Garten, wählte man einen verborgenen Ort, denn sie durfte nicht gesehen werden. Beim Einpflanzen vor Sonnenaufgang wurden ein Kreuzer, ein Stück Brot und etwas Salz mit in die Erde gegeben, begleitet von alten Segensworten, die um Hilfe baten:

Ech sätzen dich hier ännen
Te silt mer erfällen
Menje Wänsch uch Wällen
Äser Herrgott wil helfen.

(Ich setze dich hier hinein,
Du sollst mir erfüllen
Meine Wünsche und meinen Willen,
Unser Herrgott will helfen.)

Während man die Wurzel pflanzte, dachte man an das, was man sich am meisten wünschte. Manche gaben davon niemandem einen Ableger, andere wiederum sagten, man dürfe schon abstechen, aber nur bei abnehmendem Mond und von der rechten Seite und gleich nach Sonnenuntergang. Während dieser Arbeit durfte man sich nicht umdrehen und musste danach zur der linken Seite fortgehen. Man durfte nichts sprechen, außer zur Pflanze folgende Worte:

Ech gin vun deser Wurzel e Stäck
Awer näst vu menjem Gläck.

(Ich gebe von dieser Wurzel ein Stück,
aber nichts von meinem Glück.)

Ungarn & Slowenien: Wer die Wurzel (nagyfugyöker) am nackten Leib trug, erhoffte sich Glück beim Kartenspiel. Diese Wurzel konnte man nur in der Georgsnacht auf einem Berg ausgraben, auf dem sich die Hexen der Umgegend bisweilen zu versammeln pflegten. Auf die Stelle, wo man die Wurzel ausgegraben hat, musste man ein Stückchen Brot legen. Auch bei den Slowenen sollte die Tollkirsche Zauberkräfte verleihen.

Die Tollkirsche in meinem Garten | ©CG

Das naturmagische Sammeln: Die List mit der schwarzen Henne

Man findet die Tollkirsche meist am Waldrand, wo sie sich oft in die Gesellschaft des Weidenröschens, Königskerzen und anderer hoher Stauden begibt. Aus ihrem Wurzelstock, der den Winter überdauert, erheben sich zwischen großen, dunkelgrünen Blättern im Sommer braunviolette Blütenglocken. Später reifen die verlockenden schwarzen, kirschgroßen Beeren heran, die im Inneren jedoch keinen harten Kern, sondern unzählige kleine Samen verbergen. In einigen Regionen, wie hier in Mecklenburg-Vorpommern, macht sie sich in den Wäldern sehr rar.

Das Sammeln der Tollkirsche war in der alten Überlieferung ein gefährliches Unterfangen, das an den Ritus der Alraune erinnert. Man glaubte, ein mächtiger Pflanzengeist bewache die Wurzel. Das Graben durfte nur zu den hochmagischen Zeiten, wie in den Rauhnächten um Weihnachten oder Neujahr, exakt um Mitternacht stattfinden. Der Suchende zog zum Schutz einen magischen Kreis um sich. Bevor er mit der freigelegten Wurzel aus dem Kreis trat, musste er eine schwarze Henne hinwerfen. Der Pflanzengeist sollte glauben, er erfasse die Seele des Menschen, während dieser die Zeit nutzte, ohne sich umzuschauen in die dunkle Nacht zu fliehen.

Tollkirschen für die Samenernte | ©CG

Die Botschaft des Todes: Eine unerbittliche Pflanzenseele

Die alten Schriften und Aufzeichnungen sind voll von warnenden Beispielen, die uns die oft tödliche Kraft der Tollkirsche vor Augen führt:

Der Hinterhalt der Schotten: Der Gelehrte Montanus (1625–1683) hielt fest, wie schottische Truppen einst den Saft der Tollkirsche in das Getränk des eingedrungenen Dänenkönigs Sveno mischten. Das betäubte Kriegsheer konnte danach mühelos bezwungen werden.

Das Feldlager von Pirna (1813): Ein tragisches Zeugnis der Giftigkeit lieferten französische Soldaten, die in ihrem Feldlager aus Unwissenheit Tollkirschen aßen. Der Genuss endete für viele von ihnen im Wahnsinn und schließlich im Tod.

Die tödliche Klettenwurzel (1802): In Salzburg kam es zu einem fatalen Fehler, als ein Händler aus Triest ahnungslos Tollkirschenwurzeln anstelle von Klettenwurzeln verkaufte. Nachdem eine Frau durch einen Absud ihr Leben verlor, ordnete die Regierung eine sofortige Rückgabe aller Klettenwurzel von diesem Händler an die Obrigkeit an.

Der unheimliche Trank Maulda (1680): In Litauen diente die Tollkirsche oder das Krainer Tollkraut (man ist sich nicht sicher, welches Kraut gemeint ist) als Werkzeug des Gerichts. Die Wildpflanze, dort Maulda genannt, wurde Schuldigen als todbringender Trank verabreicht.

Wie ihr seht es gibt nicht all zu viel von der Tollkirsche, was mich jetzt persönlich etwas nachdenklich macht. warum war es so? An ihrer Giftigkeit scheint es nicht zu liegen, wenn wir die Alraune betrachten. Aber nun ja, die Tollkirsche lehrt uns, der Natur mit größtem Respekt zu begegnen. Sie schenkt uns ihre Schönheit, doch fordert sie gleichzeitig unbedingtes Wissen und Achtsamkeit von uns.


🪔 Auf alten Pfaden weiterwandeln:

Geheimnisse der Wildpflanzen –

Uralte Pflanzenmagie

Die alten Überlieferungen unserer Vorfahren faszinierten uns schon immer. In diesem Buch habe ich all mein Wissen und meine Leidenschaft für unsere wilden Pflanzenseelen und vergessene Bräuche zusammengetragen.

Wächterfigur aus Stroh vor lodernden Flammen unter violettem Abendhimmel – Ein Sinnbild für Pflanzengeister und Naturmagie.

Hier schreibt Katja – eine Suchende zwischen den Welten. In stillen Nächten berge ich fast vergessenes Ahnenwissen aus alten Schriften und verbinde es mit der lebendigen Naturmagie meines Gartens. Hier im Celticgarden teile ich die Essenz dieser alten Pfade und das Raunen der Pflanzenseelen mit dir.