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Heil aller Schäden: Der vergessene Waldsanikel
Der Waldsanikel gehört heutzutage zu den vergessenen Wildkräutern. Das war aber nicht immer so. Bei unseren Urgroßeltern hatte er noch den großen Eigennamen „Heil aller Schäden“. An diesem Namen sieht man, wie bedeutungsvoll diese Waldpflanze einmal gewesen ist.
Schon in einem Buch von 1820 steht geschrieben, dass diese Pflanze von der Bevölkerung nur noch wenig verwendet wird. Also war der Waldsanikel damals schon im Rückgang und verlor massiv an Bedeutung bei den Menschen. Zu diesen doch sehr wichtigen Pflanzen unserer Urgroßeltern reihte sich auch der Ehrenpreis, Tausendgüldenkraut und der Beinwell ein. Fast kein Mensch kann sich mehr daran erinnern, dass diese Wildpflanzen unsere Vorfahren geheilt haben. Sie werden als Unkraut herabgewürdigt und herausgerissen.
Dem Waldsanikel sein botanischer Name lautet: Sanicula europaea. Der Kult um diese Waldpflanze war so groß, dass sogar ein Arzt wörtlich klagte, weil sich die Bauern mit diesen Kräutern selbst versorgten:
„Wegbreit (Breitwegerich),
Schännikel (Waldsanikel) und
Ährenpris (Ehrenpreis) —
Dat makt de Düwel de Buern wies‘“

Der Waldsanikel in der alten Kräuterkunde
Der Waldsanikel war eine hochgerühmte Pflanze unserer Vorfahren. Sie gehörte zu den gelinde zusammenziehenden Mitteln, daher wurde der Waldsanikel auch gegen Wunden verwendet. Unsere Vorfahren rühmten ihn als vorzügliches Wundmittel. Was für damalige Zeiten sehr wichtig war, weil man sich doch öfters Wunden zugezogen hatte und kein Arzt weit und breit war oder man konnte sich ihn nicht leisten.
Nach altem Glauben soll seine wundverschließende Kraft so groß gewesen sein, dass sogar Fleischstücke wieder zusammenwuchsen, wenn man den Waldsanikel hinzutat. „Sanikel heilt das Fleisch im Topfe zusammen“, hieß es besonders im damaligen Böhmen und Schlesien.
Historische Anwendungen:
- Pest & Beulen: Man behandelte Pestbeulen und Karbunkeln mit dem Saft. Dafür legte man zerquetschte Blätter auf die Beulen, bis sie getrocknet waren, und ersetzte sie dann gegen frische Blätter. Es war ein natürliches Pflaster.
- Gegen Narben: Der Wurzelsaft, der reichlich Gerbsäure enthält, wurde mit Schmalz verrührt. Damit bestrich man Kratzer und kleinere Wunden, um keine Narben zu erhalten.
- Hals & Mund: Gegen Hals- und Mundgeschwüre diente der Absud mit Rosenhonig zum Gurgeln. Daher gehörte der Sanikel zu den Kräutern, die „Schweizer Tee“ genannt wurden.
- Gegen die Rote Ruhr: Gegen die Weiße und Rote Ruhr (schlimme Durchfallerkrankungen) köchelte man damals die Blüten in etwas Wasser und trank sie zusammen in Bier.

Eine Geschichte meiner Vorfahren (Anno 1747)
Die Rote Ruhr kam meistens daher, dass Mensch und Tier sehr nah aneinander gewohnt haben. Clas Broders, einem 6x Urgroßvater (1715-1777) von mir, ist dieses Schicksal mit drei seiner Kinder widerfahren. Innerhalb einer Woche sind ihm diese drei Kinder (Ann Trin, Hans und Hinrich) im Jahr 1747 an der Roten Ruhr verstorben.
Es war in diesem Dorf wohl sehr tragisch, dass es der Pfarrer sogar im Kirchenbuch vermerkte. Dieser Eintrag lautet wörtlich:
„Dieser Mann ist alle seiner Kinder innerhalb von 6 Tagen beraubt worden. Die 6 letzt angeführten Personen sind alle an der rothen Ruhr gestorben, welche noch in dem Dorfe Crems (Dorf in Holstein) wütet.“
Alte Rezepte aus der Kräuterkunde
Ich habe hier einige historische Rezepte gesammelt, die zeigen, wie vielfältig der Sanikel genutzt wurde.
1. Der alte Wundtrank: Nehme Wintergrün, Sanikel, Skabiosen, Spitzwegerich, je eine Handvoll, schneide die Kräuter klein, fülle sie in kleine Säcklein und lege sie in eine zwei Liter Kanne. Gieße einen Liter Weißwein und einen halben Liter frisches Wasser hinzu, lass es in einem Topf sieden, bis es eingekocht ist. Von diesem Trank gab man dem Verwundeten morgens und abends einen Becher voll zu trinken.
2. Die echte Waldsalbe unserer Urgroßeltern: Nehme Waldsanikel, Esche, Ehrenpreis, Benediktenkraut, Tausendgüldenkraut und presse den Saft aus ihnen. Danach weißes Harz, Talg und Butter zerlassen und den Saft hinzufügen und koche es. Dann noch etwas Moos hinzufügen und fertig ist die echte Waldsalbe.
3. Historische Wundtränke mit Bier (Anno 1790):
- Rezept 1: Ein gutes Bier und je eine Handvoll Waldsanikel, Goldrute, Wintergrün, Heilziest, Waldmeister, Ehrenpreis und Hirschzungenfarn. Für eine Stunde auf kleinster Flamme köcheln.
- Rezept 2: Waldsanikel, Ehrenpreis, Erdbeerkraut, Beifuß, Hopfen, Brombeerblätter, Spitzwegerich, Salbei, kleines Immergrün, Ysop und Gänsefuß in gutem Bier gekocht.
4. Alpen-Wissen bei Knochenbruch: Wenn ein Kind einen Knochenbruch erlitten hatte, gab man ihm im Alpenraum eine Mischung aus Sanikel- und Meisterwurzwurzeln (Schwarzer Sanikel). Dafür musste man diese beiden Wildpflanzen bei abnehmendem Mond sammeln gehen.

Waldsanikel im Brauchtum und Zauberglauben
- Für die Stalltiere: In manchen Gegenden sammelte man den Waldsanikel am Himmelfahrtstag, welcher für die kranken Stalltiere dann gut sein sollte.
- Gegen Krätze: Gegen Krätze trugen die Menschen die Sanikelwurzel bei sich am Körper.
- St. Lorenzkraut: Der Waldsanikel war im alten christlichen Glauben dem Heiligen Lorenz geweiht. Dieser Heilige stand für einen altgermanischen Gott. Leider konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen, für welchen.
Das Neunerlei-Bad für Kinder: Im früheren Niedersachsen badete man kleine kraftlose Kinder in neunerlei Kräutern. Diese Kräuter waren der Eibisch, Waldsanikel, Beifuß, Wermut, Greiskraut, Salbei, Tausendgüldenkraut, Braunelle und Ehrenpreis. Man nahm je eine Handvoll dieser Kräuter und füllte sie in das Badewasser des schwachen Kindes. Es soll dadurch zu Kräften kommen.
⚠️ Wichtiger Hinweis zur historischen Anwendung
Die hier vorgestellten Rezepte (Wundtränke, Salben) sind historische Überlieferungen unserer Vorfahren und dienen der Dokumentation alter Kräuterkunde. Sie ersetzen keinen Arztbesuch oder Apotheker. Beachte bitte, dass auch Wildpflanzen wie der Sanikel Wechselwirkungen haben können (z.B. mit Blutgerinnungshemmern). Die Anwendung geschieht immer auf eigene Verantwortung.


