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Das Wodanskraut: Die Magie des Bingelkrauts
Über das Bingelkraut (Mercurialis) liest man heutzutage nicht mehr viel. Es ist als gering giftig eingestuft und hat wohl daher seinen zauberhaften, alten Ruf verloren.
In diesem Beitrag beschreibe ich das Bingelkraut näher und welchen Sinn es für unsere Vorfahren hatte. Natürlich war es voller Magie für sie, wie fast alle Pflanzen, die aus den dunklen Wäldern kamen.
Germanische Mythologie: Bei den alten Germanen war Wodan diese Wildpflanze geweiht. Sie wurde ihm zu Ehren Wodanskraut oder auch Godeskraut genannt. Wenn sie besonders wirksam sein sollte, musste sie am Wodanstage (Mittwoch) gesammelt werden.
Kinderwunsch & Bengelkraut: Junge oder Mädchen?
So und anders glaubten die Menschen von dieser Wildpflanze. Die eifrigsten Sammler waren die verheirateten Frauen.
Man sagte diesem Kraut nach, dass Frauen, die ihrem Gatten einen Sohn oder eine Tochter schenken möchten, dementsprechend den Saft der männlichen oder weiblichen Pflanze genießen müssten. Wobei ständig das Unglück passierte, dass man die weibliche Pflanze für die männliche ansah und umgekehrt.
Manche kräuterkundigen Burg- und Bürgerfrauen suchten im Schatten der Gartenmauern und Weingärten das Wunderkraut, um einen Erben zu erhalten. Daher nannte man diese Pflanze auch Bengelkraut, woraus nach alten Historikern „Bingelkraut“ geworden ist.
- Für ein Mädchen: Die Blätter des weiblichen Bingelkrauts, pulverisiert und getrunken oder nach der Menstruation als Zäpfchen (Tampon) gebraucht, förderten die Empfängnis eines Mädchens.
- Für einen Jungen: Die des männlichen Bingelkrauts, in derselben Weise angewandt, die Erzeugung eines Jungen.
Hausmittel aus der alten Kräuterkunde
In der historischen Anwendung gab es viele Bräuche:
Magenheilung: Ein Stängel des Einjährigen Bingelkrautes sollte den kranken Magen heilen, wenn er mit der Wurzel nach oben daraufgelegt wurde.
Gegen Schwellungen: Der Saft des Krauts sollte durch Einreiben einen geschwollenen Bauch beseitigen; das gekochte Kraut wurde aufgelegt.
Augen: Die Blätter auf nässende Augen gelegt, sollten diese bessern.
Für Kinder: Eine Messerspitze voll von dem getrockneten und pulverisierten Kraut, in den Brei der Kinder gemischt, linderte Bauchschmerzen.
Lebens- oder Wundersirup nach Madame Fouquet (17. Jhd.)
Gegen Bauchschmerzen gab es bei unseren Vorfahren diesen speziellen Sirup. Er bewahrte die Gesundheit und machte den Arzt oder die Apotheke überflüssig (so der Glaube unserer Vorfahren).
Zutaten:
- 2 kg Bingelkrautsaft
- 2 kg Borretschsaft
- 90 g weißblühende Veilchenwurzel
- 60 g Enzianwurzel
- 2 kg weißen Honig
- 75 g Weißwein
Zubereitung: Die Wurzeln werden kleingeschnitten und im Weißwein 24 Stunden ausgezogen. Danach wird das Gemisch gefiltert und die Flüssigkeit mit den Säften und Honig eingekocht, bis eine Sirup-Konsistenz entsteht.
Anwendung (historisch): Von diesem Sirup nahmen die Menschen jeden Morgen 1 Esslöffel ein. Im dunklen Zeitalter war es ein Heilkraut gegen Verstopfung, Wassersucht und Appetitlosigkeit.
Die Zauberpflanze der Hexen und Diebe
Das Bingelkraut ist eine alte Hexenpflanze, wohl auch die damaligen Alchemisten haben sich ihrer bedient. Daher gehört sie zu den großen Zauberpflanzen.
Die Hexensalbe (Rezept Anno 1456)
Aus einem Buch von 1456 stammt folgendes Rezept für eine Hexensalbe aus sieben Kräutern. Die Hexen brachen jedes Kraut an dem Tag, der dem Kraut zugehörig war:
- Sonntag: Wegwarte
- Montag: Mondraute
- Dienstag: Eisenkraut
- Mittwoch: Bingelkraut (Wodanskraut!)
- Donnerstag: Hauswurz
- Freitag: Frauenhaar-Moos
- Samstag: Alraune
Diese Pflanzen wurden mit anderen Sachen vermischt, und so entstand eines von unzähligen anderen Rezepten für die Hexensalbe.
Zauberglaube und Diebesglück
Diese kleine wilde Pflanze galt für die meisten Menschen als unheilbringend:
- Ein Versprechen, in ihrer Nähe ausgesprochen, wurde nicht gehalten.
- Wenn sie ins Haus gebracht wurde, drohte Unheil.
Auch war sie eine Zauberpflanze für Räuber und Diebe. Wenn diese einen Büschel Bingelkraut bei sich trugen, so gelangen ihre Missetaten, ohne dass sie in Verdacht gerieten.
Fazit
Leider gibt es nicht mehr so viel über diese kleine Waldpflanze zu berichten, obwohl sie doch so eine große Zauberpflanze unserer Vorfahren war. Aber ich habe etwas für euch zum Lesen zusammengetragen. Vielleicht beachtet ihr das unscheinbare Bingelkraut unter euren Füßen beim nächsten Waldspaziergang mit anderen Augen und erzählt weiter, was man früher alles mit dieser Zauberpflanze gemacht hat.
⚠️ Wichtiger Hinweis zur historischen Anwendung
Das Einjährige Bingelkraut soll gering giftig auf uns Menschen wirken. Die hier vorgestellten Rezepte und Anwendungen sind historische Überlieferungen und dienen der Dokumentation alter Bräuche. Sie ersetzen keinen Arztbesuch.

