
Feuer auf den Alpen: Die Geschichte der Schweizer Hochwachten
Inhaltsverzeichnis
In den alten Chroniken, Ratsprotokollen und Militärordnungen der Eidgenossenschaft, besonders aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, gibt es tatsächlich sehr genaue Beschreibungen und sogar alte Zeichnungen davon, wie diese Hochwachten, in der Schweiz oft auch Chuz, Wachtfeuer oder im Rheintal Chrebsfüür genannt, aufgebaut waren.
Es waren keine steinernen Burgtürme, sondern raffinierte, wetterfeste Holzkonstruktionen auf windumtosten Bergkuppen, die nach jahrhundertealtem Wissen so angelegt waren, dass sie bei jedem Wetter innerhalb von Sekunden lichterloh brennen konnten.
Der Scheiterhaufen & Die Harzstange: Das Herz der Hochwacht
Auf dem höchsten, weithin sichtbaren Punkt einer Bergkuppe oder eines Felsgrates stand das eigentliche Signalfeuer. In den alten Wachtordnungen war genau vorgeschrieben, wie es geschichtet werden musste:
- Der trockene Holzstoß: Aus schweren Tannen- und Buchenscheiten wurde ein mächtiger, oft pyramiden- oder kegelförmiger Holzstoß errichtet, der im Inneren mit trockenem Reisig, Stroh und Kienspänen (extrem harzreichem Kiefernholz) gefüllt war.
- Die Harzpfanne oder Pechstange: Oft ragte aus der Mitte des Holzstoßes ein hoher Mast (der Chuz) in den Himmel, der mit Stroh, Werg, Talg und schwarzem Baumharz (Pech) umwickelt war oder an dessen Spitze ein eiserner Feuerkorb hing.
- Schutz vor Schnee und Regen: Da es in den Bergen rund um Sax und den Alpstein oft wochenlang regnete oder schneite, durfte das Holz niemals nass werden. Deshalb bauten die Wächter über den fertigen Scheiterhaufen ein leichtes Schutzdach aus Holzschindeln oder Rinde, das auf vier Pfählen ruhte. Musste das Feuer entzündet werden, wurde dieses leichte Dach einfach mit langen Stangen heruntergerissen oder gleich mitverbrannt.
Tag- und Nachtzeichen: Flammen in der Finsternis, Rauch am Tag
In der Überlieferung der Wachtordnungen gab es einen wichtigen Unterschied, je nachdem, zu welcher Tageszeit der Feind anrückte:
- Das Nachtfeuer: Bei Dunkelheit zündete man das trockene Harz- und Tannenholz an, dessen helle, rotgoldene Flammen über Dutzende Kilometer hinweg von Gipfel zu Gipfel leuchteten.
- Das Rauchfeuer bei Tag: Bei strahlendem Sonnenschein hätte man eine helle Flamme im Tal kaum gesehen. Deshalb lag neben der Hochwacht immer ein zweiter Haufen aus feuchtem Moos, grünen Tannenzweigen und nassem Stroh bereit. Warf man dieses Material in die Glut, stieg eine dicke, pechschwarze oder schneeweiße Rauchsäule kerzengerade in den Himmel, die man selbst bei Tageslicht meilenweit erkennen konnte.
- Die Zahl der Feuer: Manchmal standen auf einem breiten Bergrücken zwei oder drei solcher Feuerstellen nebeneinander. Je nachdem, ob ein, zwei oder alle drei Feuer brannten, wussten die Menschen im Tal sofort, wie groß die Gefahr war und aus welcher Richtung der Feind nahte.

Die Wachthütte: Das einsame Quartier der Wächter
Direkt neben den Feuerstößen stand in gebührendem Abstand gegen den Funkenflug die Wachthütte (Wachthus):
- Schlichter Blockbau: Es war eine niedrige, gedrungene Hütte aus dicken Baumstämmen oder aufgeschichteten Feldsteinen, deren Schindeldach mit schweren Felsbrocken beschwert war, damit die heftigen Föhnstürme im Rheintal es nicht davontrugen.
- Die Ausstattung im Inneren: Drinnen gab es eine offene Feuerstelle oder einen kleinen Steinofen, in dem rund um die Uhr eine Glut gehütet werden musste. Denn mit Feuerstein und Zunder hätte das Entzünden bei Sturm viel zu lange gedauert. Dazu gab es eine einfache Holzpritsche mit Strohsack, Kienspäne als Fackeln, ein langes Hörnli (Alphorn oder Signalhorn), eine Stundenglas-Uhr und später oft ein einfaches Fernrohr.
Der Dienst auf der Hochwacht: Ein eisernes Brauchtum
In Zeiten von Kriegsgefahr, etwa während des Alten Zürichkrieges, des Schwabenkrieges (1499, als auch die Burgen und Dörfer rund um Sax und Sennwald brannten, oder im Dreißigjährigen Krieg, war die Hochwacht Tag und Nacht mit zwei bis vier wehrhaften Männern aus dem Tal besetzt.
- Der Eid der Wächter: Die Männer, oft erfahrene, wetterfeste Walser und Köhler, die ohnehin im Bergwald arbeiteten und wussten, wie man Feuer im Sturm bändigt, mussten einen strengen Eid schwören. Wer auf der Wacht einschlief oder das Feuer zu spät entzündete, wurde vor das Gericht gestellt.
- Der Blick zum Nachbargipfel: Ein Wächter musste ununterbrochen zu den benachbarten Hochwachten hinüberspähen (von den Höhen bei Sax und Forstegg blickte man zum Beispiel hinüber auf den St. Anton, den Kammerstock oder die Höhen bei Sargans und Werdenberg).
- Funke für Funke durch das ganze Land: Sobald auf dem Nachbarberg der erste rote Funke aufblitzte, griffen die Männer zur glühenden Kohle aus ihrer Hütte, rannten hinaus in die Nacht und steckten ihren eigenen Holzstoß in Brand. Gleichzeitig läuteten unten im Dorf Sax und in Sennwald die Sturmglocken der Kirche. So raste eine Warnung wie ein Blitz innerhalb von nur einer halben Stunde vom Bodensee über das Rheintal bis tief nach Zürich und Bern!
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