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Ostpreußische Familiennamen: Wo die Elche ziehen

Wenn der Morgennebel über die weiten Wiesen, Erlenbrüche und dunklen Wälder des alten Ostpreußens zieht, führt mich meine Ahnenforschung in ein Land, in dem das Erbe der alten Prußen, der Kuren und der Preußisch-Litauer (Kleinlitauer) noch in jedem Dorf- und Familiennamen nachklingt.

Meine ostpreußischen Vorfahren des 17. und 18. Jahrhunderts waren in drei geschichtsträchtigen Landschaften zu Hause, deren Lebenslinien schließlich alle in meiner Familie Raudszus zusammenfliesst.

  • Die Elchniederung: Eine stille, wasserreiche Welt aus Mooren, Flüssen und Feuchtwiesen, in der das Wasser und der Ruf der Nachtvögel den Takt des Lebens bestimmten.
  • Das Hügelland um Goldap: Am Rande der tiefen, urtümlichen Rominter Heide, wo klare Quellen entspringen und sich baltische, prußische und slawische Wege kreuzten.
  • Das Kirchspiel Aulowönen bei Insterburg: Im fruchtbaren Herzen Preußisch-Litauens, wo alte Bauern- und Fischergeschlechter seit Jahrhunderten die Erde bestellten.

Besonders bewegend: Meine ältesten bekannten Ahnen dieser Linien, geboren zwischen 1685 und 1708, gehörten zu jenen widerstandsfähigen Überlebenden, die der verheerenden Großen Pest von 1709/1710 in Ostpreußen trotzten und das uralte Ahnenwissen ihrer Heimat in eine neue Zeit hinüberretteten.

Hochzeitsbitter & das Erbe der Witwen: Die Familien der Elchniederung

In den Dörfern Demedszen, Plauschinnen und Wargutschen mitten in der Elchniederung verweben sich vier Familien zu einem faszinierenden Bild des alten baltisch-prußischen Dorflebens:

Kweselait – Das Brauchtum des Hochzeitsbitters: Aus Demedszen stammte Enusze Kweselait. Ihr Name bewahrt ein kostbares Stück Brauchtum: Er leitet sich vom litauischen kvieslys (+ -aitis) ab und bedeutet Nachkomme des Hochzeitsbitters. Im alten Preußisch-Litauen ritt der Kvieslys hoch zu Ross, geschmückt mit bunten Bändern und einem Schellenstab, von Hof zu Hof, um die Gäste mit kunstvollen, überlieferten Segenssprüchen zur Hochzeit zu laden.

  • Enusze Kweselait 1690-? Demedszen ♾️ Obrams Passlack

Szemkus – Tief verbunden mit der Erde: Aus Plauschinnen kam Else Szemka / Szemkus in unsere Linie. Ihr Name wurzelt im litauischen Wort žemė für die Erde: Ein žemkas / žemkus war der Landmann und Bauer, ein žemkasys der Erdarbeiter, der in der schweren Niederungserde Gräben und Dämme aushob.

  • Else Szemkus 1715-1785 Plauschinnen ♾️ Obroms Passlack

Passlack – Zwischen Fleiß, Hilfsbereitschaft & harter Fron: Über drei Generationen lebten meine Ahnen Passlack ab 1685 in Wargutschen. Der Name zeigt den Wandel der Jahrhunderte: Im alten Prußischen bezeichnete pāslauks den Knecht und Fronarbeiter, der sich für geringen Lohn für andere abmühte, woraus im Volksmund später die Redensart wie Ich bin doch nicht dein Paslack! entstanden ist.

  • Obrams Passlack 1685-? Wargutschen ♾️ Enusze Kweselait
  • Obroms Passlack 1711-? Wargutschen ♾️ Else Szemkus
  • Maryke Passlack 1739-1810 Wargutschen ♾️ Priskas Preikszas

Preikszas – Der Amboss & das Hofrecht der Witwen: Als Maryke Passlack in Wargutschen Priskas Preikszas heiratete, kam einer der kulturgeschichtlich spannendsten Namen Ostpreußens in unseren Stammbaum. Sprachlich verwandt mit dem prußischen preikals (der Amboss), bezeichnete das Wort preigšas / preikšas im alten Brauchtum den zweiten Ehemann einer Witwe, der durch die Heirat in einen bestehenden Hof einzog. Da der Hof im Dorf weiterhin den Namen des verstorbenen ersten Mannes trug, ging der ursprüngliche Eigenname des zweiten Ehemannes oft verloren. Er blieb im Dorf schlicht der Preikszas!

  • Priskas Preikszas 1735-1807 Wargutschen ♾️ Maryke Passlack
  • Erdme Preikszas 1775-1853 Wargutschen ♾️ Kristups Raudszus

Im Land der Quellen & Neusiedler: Meine Linien aus Goldap

Rund um Goldap begegnen uns vier Familiennamen, die vom Wasser der alten Wildnis, vom Hüten der Herden und vom Aufbruch auf neues Land erzählen:

Siperek (Syperek) – Das sickernde Bächlein der Prußen: In Regellen bei Goldap lebte ab 1708 meine Ahnin Catharina Siperek. Ihr Name ist echtes altpreußisches Erbe: Er wurzelt im prußischen Wort sip / sipe für ein kleines Flüsschen oder Bächlein sowie sipen (tröpfeln, triefen, sickern). Der Name bezeichnete Menschen, deren Hof direkt an einer sickernden Quelle oder einem kleinen Wasserlauf lag.

  • Catharina Siperek ( 1708-1779 in Regellen, Kreis Goldap ♾️ mit Mark Matthis Zaborowski

Gennatis – Vom prußischen Hirten & dem Ruf des Spechts: Von meiner Vorfahrin Ilsbe Gennatis in ihren Namen stecken zwei alte Wurzeln: Im Prußischen bedeutete ganas ursprünglich den Hirten. Im Litauischen wiederum verweist genys auf den Buntspecht oder Sumpfläufer, der rund um den Wohnplatz an den Bäumen klopfte, während die Endung -at / -is anzeigt, dass es sich um den Nachkommen handelt.

  • Ilsbe Gennatis 1695-1754 in Präroslehnen/Kubillen ♾️ Jurgis Naujoks

Naujoks – Der Pioniergeist der Neusiedler: Als Ilsbe Gennatis Jurgis Naujoks heiratete, verbanden sich die Alten mit den Neuen. Denn das litauische nauj-okas bedeutet Neuling oder Neusiedler. Ein Ehrenname für jene Pioniere, die nach Kriegen oder der großen Pest ein Stück Wildnis neu unter den Pflug nahmen.

  • Jurgis Naujoks 1698-? Kubillen ♾️ Ilsbe Gennatis
  • Marike Naujoks 1723-? Kubillen ♾️ Jons Simatis

Simatis – Die Söhne des Simon in Texlen: In Texlen bei Goldap kreuzte sich der Weg von Marike Naujoks mit der Familie Simatis. Der Name ist ein klassischer baltischer Vatersname. Simaitis = Sohn oder Nachkomme des Simas/Simon.

  • Josas Simatis 1695-1778 Texlen ♾️ Catharina N.N.
  • Jons Simatis 1720-1797 Texlen ♾️ Marike Naujoks
  • Elsabe Simatis 1754-? Texlen ♾️ Johann Rosegait (Rosegart)

Heuwiesen, Rohrdommeln & stolze Höhen: Meine Familien aus Aulowönen

Weiter südlich, in den Dörfern Mohlen und Medukallen im Kirchspiel Aulowönen (Kreis Insterburg), lebten drei weitere baltisch-prußische Geschlechter meiner Ahnentafel:

Szukis – Heuwiesen, Flachskämme & abgeschiedene Winkel: Meine Ahnin Marike Szukis trägt einen vielschichtigen Namen, der je nach Landschaft drei alte Lebenswelten berührt: Im Memelland stand šuka für den Heuhaufen auf der Wiese. Daneben bedeutet das litauische šukos/šukeles den Kamm oder Flachshechel. Das wichtigste Werkzeug der alten Flachsverarbeitung und Webkunst.

  • Marike Szukis 1750-? Mohlen ♾️ Miklis Ukat

Ukat – Bauernhof, Wiesendunst & der Ruf der Rohrdommel: Marike Szukis heiratete in Mohlen Miklis Ukat. Da im nördlichen Ostpreußen Prußen, Kuren und Litauer eng zusammenlebten, vereint der Name Ukat gleich mehrere Deutungen: Im Prußischen steht ukis für den Bauernhof und sein Gesinde (ukinis/ukiniks = der Landwirt). Im Nehrungs-Kurischen bedeutet ūksmas den kühlen Schatten, während das preußisch-litauische ukas die geheimnisvolle Natur des Wohnplatzes beschreibt. Es steht für aufsteigenden Wiesendunst, Rauch und Wolken, aber auch für den dumpfen Ruf der Rohrdommel (Botaurus stellaris) im Schilf und den nächtlichen Uhu, die im Alten Glauben als Schicksalsboten galten.

  • Miklis Ukat 1745-1800 in Mohlen ♾️ Marike Szukis
  • Katrine Ukat 1776-? Mohlen ♾️ Kristups Aukszlat

Aukszlat – Der Hof auf stolzer Höhe: Über vier Generationen, von Erdmann über Willus und Kristups in Medukallen bis zu Madlyne in Mohlen, begleitet mich die Familie Aukszlat. Der Name wurzelt im prußischen augstan (oben) und im litauischen aukštas (hoch, erhoben, rühmen). Er bezeichnete entweder einen erhöht liegenden Hofplatz, der sicher vor dem Frühjahrshochwasser lag, oder eine Familie von hoher sozialer Stellung. Eine Wurzel, die in der Überlieferung bis zum berühmten prußischen Stammeshäuptling Auctume (1260) zurückreicht!

  • Erdmann Aukszlat 1730-? ♾️ Else N.N.
  • Willus Aukszlat 1756-1806 Medukallen ♾️ Ortusze N.N.
  • Kristups Aukszlat 1789-? Medukallen ♾️ Katrine Ukat
  • Madlyne Aukszlat 1814-? Mohlen ♾️ Christoph Raudszus

Der Klang der alten Vornamen in meinen Urkunden

Wer meine ostpreußischen Ahnentafeln liest, stößt auf wunderschöne, fast melodisch klingende Vornamen. In den Kirchenbüchern von Goldap, Aulowönen und der Elchniederung schrieben die Pfarrer die Rufnamen oft genau so auf, wie die Familien sie im Alltag riefen.

Die Männernamen: Aus Georg wurde Jurgis, aus Joseph und Johannes wurden Josas und Jons. Der biblische Abraham verwandelte sich in Obrams oder Obroms, aus Franciscus/Priskus wurde Priskas, aus Michael Miklis, aus Wilhelm Willus und aus Christoph das klangvolle Kristups.

Die Frauennamen: Aus Anna wurde die zärtliche Koseform Enusze, aus Dorothea wurde Ortusze. Der alte ostpreußische Schutzname Erdmuthe, die mit festem, erdverbundenem Mut, kürzte sich zu Erdme, während Elsabe, Marie und Magdalena als Ilsbe, Marike/Maryke und Madlyne durch die Stuben klangen.


🪔 Auf alten Pfaden weiterwandeln:

Wächterfigur aus Stroh vor lodernden Flammen unter violettem Abendhimmel – Ein Sinnbild für Pflanzengeister und Naturmagie.

Hier schreibt Katja – eine Suchende zwischen den Welten. In stillen Nächten berge ich fast vergessenes Ahnenwissen aus alten Schriften und verbinde es mit der lebendigen Naturmagie meines Gartens. Hier im Celticgarden teile ich die Essenz dieser alten Pfade und das Raunen der Pflanzenseelen mit dir.