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Der Waldsanikel – Vergessene Heilkräuter

    Beschreibung Waldsanikel

    Der Waldsanikel gehört heutzutage zu den vergessenen Heilkräutern. Das war aber nicht immer so. Bei unseren Urgrosseltern hatte er noch den grossen Eigennamen Heil aller Schäden. An diesem Namen sieht man, wie bedeutungsvoll diese Waldpflanze einmal gewesen ist, aber schon in einem Buch von 1820 steht geschrieben, dass diese Heilpflanze von der Bevölkerung nur noch wenig verwendet wird. Also war der Waldsanikel damals schon im Rückgang und verlor massiv an Bedeutung bei den Menschen. Zu diesen doch sehr wichtigen Heilkräutern unserer Urgrosseltern reihte sich auch der Ehrenpreis, Tausendgüldenkraut und der Beinwell ein. Wobei der Ehrenpreis und auch das Tausendgüldenkraut auch zu den vergessenen Heilpflanzen gehört. Fast kein Mensch kann sich mehr daran erinnern, dass diese Wildpflanzen unsere Vorfahren geheilt haben. Sie werden als Unkraut herabgewürdigt und herausgerissen. Dem Waldsanikel sein Botanischer Name lautet: Sanicula europaea. Der Kult um diese Waldpflanze war so gross, dass sogar ein Arzt wörtlich klagte, weil sich die Bauern mit diesen Kräutern selbst heilten.

    „Wegbreit (Breitwegerich), Schännikel (Waldsanikel) und Ährenpris (Ehrenpreis) — Dat makt de Düwel de Buern wies‘“

    Wo findet man den Waldsanikel?

    Der Waldsanikel ist eine reine Waldpflanze, wie man es ja auch schon an seinem Namen erkennt. Er liebt es feucht und dunkel und wächst in Laubwädern oder manchmal auch am Rand von Wäldern. Auf der Roten Liste steht dieser Waldbewohner noch nicht. Meistens sehen wir diese schöne Wildpflanze nicht, wenn wir durch die Wälder streifen, weil sie doch recht unscheinbar ist, auch was ihre Blüte betrifft. In Nordwestdeutschland soll sie wohl recht selten sein.

    Der Waldsanikel im Garten

    Weil ich den Waldsanikel noch nie bei meinen Waldspaziergängen angetroffen habe, habe ich mir diese hübsche Waldpflanze gekauft und in den Garten gesetzt. Sie wächst bei mir im Schatten unter einer Weide neben Farne und der Haselwurz. Jedes Jahr treibt der Waldsanikel eine sehr hochwachsende Blüte hervor. Ein Zeichen das er sich doch recht wohl fühlt, aber von alleine hat er sich noch nicht vermehrt. Also kann man davon ausgehen, das der Waldsanikel nicht wuchert. Wenn er ausgeblüht hat, entwickeln sich klitzekleine Kletten, die überall haften bleiben, ähnlich wie das Klettenlabkraut oder die Klette. Dadurch werden seine Samen von a nach b transpotiert. Von Nacktschnecken wird er in Ruhe gelassen und wässern musste ich ihn noch nie. Eine problemlose Pflanze, die in Schattenbereichen, eventuell neben Farne, sehr schön dort zur Geltung kommt. Die Blütezeit ist im Juni. Dann treibt diese Pflanze einen dünnen und sehr langen Stängel heraus, wie ihr auf dem Foto sehen könnt. Er gehört in die Familie der Doldenblütler und wird 20 bis 45 cm hoch.

    Blüte des Waldsanikels
    Blüte des Waldsanikels | ©CG

    Sammeln, trocknen und aufbewahren

    Seine Sammelzeit ist von April bis August. Es werden die Blätter und die Wurzeln gesammelt. Die Blätter und Wurzeln können auf einen Gitterrost oder Holzbrett zum Trocknen ausgelegt werden. Wer sich die Mühe und Arbeit nicht scheut, kann die Wurzeln zum Trocknen auffädeln. Wenn euer Sammelgut gut durchgetrocknet ist, werden sie in Behältern aus Glas, Steingut oder Porzellan aufbewahrt. Verwechslungen können mit dem Frauenmantel, Grossen Sterndolde oder mit dem Meisterwurz vorkommen. Die Ähnlichkeit ihrer Blätter, der zuletzt genannten Wildpflanze, mit dem Sanikel verdankt diese den volkstümlichen Namen Schwarzer Sanikel (nach dem schwarzen Wurzelstock).

    Der Waldsanikel in der Volksheilkunde

    Wie eingangs geschrieben war der Waldsanikel eine hochgerühmte Heilpflanze unserer Vorfahren. Man behandelte Pestbeulen und auch Karbunkeln mit dem Saft dieser Heilpflanze, aber auch allgemein innerliche und äusserliche Geschwüre. Dafür legte man zerquetschte Blätter auf die Beulen bis sie getrocknet waren und ersetzte sie dann gegen frische Blätter. So lange bis die Beulen verschwanden. Es war ein natürliches Pflaster für die alte Volksheilkunde.

    Gegen die Weisse und Rote Ruhr, eine sehr schlimme bis tödliche Durchfallerkrankungen, köchelte man damals die Blüten in etwas Wasser und trank sie zusammen in Bier. Die Rote Ruhr kam meistens daher, dass Mensch und Tier sehr nah aneinander gewohnt haben. Laut Wikipedia bekam man die Krankheit von Hühnerküken oder Rindern. Clas Broders, einem 6x Urgrossvater (1715-1777) von mir, ist dieses Schicksal mit drei seinen Kindern widerfahren. Innerhalb einer Woche sind ihm diese drei Kinder (Ann Trin, Hans und Hinrich) im Jahr 1747 an der Roten Ruhr verstorben. Es war in diesem Dorf wohl sehr tragisch, dass es der Pfarrer sogar im Kirchenbuch vermerkte. Dieser Eintrag lautet wörtlich:

    „Dieser Mann ist alle seiner Kinder innerhalb von 6 Tagen beraubt worden. Die 6 letzt angeführten Personen sind alle an der rothen Ruhr gestorben, welche noch in dem Dorfe Crems (Dorf in Holstein) wütet.“

    Sie gehört zu den gelinde zusammenziehenden Heilmitteln, daher wurde der Waldsanikel auch gegen Wunden verwendet. Unsere Vorfahren rühmten ihn als vorzügliches Wundmittel. Was für damalige Zeiten sehr wichtig war, weil man sich doch öfters Wunden zugezogen hatte und kein Arzt weit und breit war oder man konnte sich ihn nicht leisten. Nach alten Glauben soll seine wundverschliessene Kraft so gross gewesen sein, dass sogar Fleischstücke wieder zusammenwuchsen, wenn man den Waldsanikel hinzutat. „Sanikel heilt das Fleisch im Topfe zusammen‘‘ hiess es besonders im damaligen Böhmen und Schlesien. Früher nahm man folgenden Wundtrank: Nehme Wintergrün, Sanikel, Skabiosen, Spitzwegerich, je eine Handvoll, schneide die Kräuter klein, fülle sie in kleine Säcklein und lege sie in eine zwei Liter Kanne, giesse einen Liter Weisswein und einen halben Liter frisches Wasser hinzu, lass es in einem Topf sieden, bis es eingekocht ist. Von diesem Trank gab man dem Verwundeten Morgens und Abends einen Becher voll zu trinken. Auch eine Abkochung zum Auswaschen und Heilen von Wunden und offenen Geschwüren kam in Gebrauch.

    Wenn ein Kind einen Knochenbruch erlitten hatte, gab man ihm im Alpenraum eine Mischung aus Sanikel- und Meisterwurzwurzeln (Schwarzer Sanikel). Dafür musste man diesen beiden Wildpflanzen bei abnehmenden Mond sammeln gehen. Diese Wurzeln wurden gedörrt, geschabt und sehr kleine geschnitten und anschliessend in einem Mörser zerstossen. Jeden Morgen auf nüchteren Magen einen Esslöffel voll Mus oder Suppe mit soviel Wurzelpulver, wie man mit drei Fingern nehmen kann, vermischen und einnehmen, aber auch Erwachsene haben dieses Heilmittel eingenommen. Wie beim Sammeln muss das Einnehmen auch bei abnehmenden Mond geschehen.

    Eine Salbe kam auch in Gebrauch. Für diese sogenannte Beinbruchsalbe nahm man Wachs, Butter, Terpentinöl und ausgepressten Saft von der Sanikelwurzel und des Spitzwegerichs. Für einen Knochenbruch nahm man auch nur Beinwellwurzeln und Butter, die man zusammen vermengte. Eine Waldsalbe unserer Urgrosseltern ging folgenderweise:

    Nehme Waldsanikel, Esche, Ehrenpreis, Benediktenkraut, Tausendgüldenkraut und presse den Saft aus ihnen. Danach weisses Harz, Talg und Butter zerlassen und den Saft hinzufügen und koche es. Dann noch etwas Moos hinzufügen und fertig ist die echte Waldsalbe.

    Gegen Gliederschmerzen wurden die Blüten mit Mandel- und Rosenöl vermischt und an einen sonnigen Ort für ein paar Tage stehen gelassen. Danach sollten die schmerzenden Glieder lauwarm mit diem Öl eingerieben werden. Als Gurgelwasser leistete der Sanikel auch gute Dienste. Die mittelalterlichen Bruchschneider, ein damaliger niederer Heilkunstberuf, die Eingeweidebrüche behandelten, wie zum Beispiel einen Leistenbruch, nahmen eine Salbe aus Sanikel, um die Operationsstelle einzusalben. Der Wurzelsaft, der reichlich Gerbsäure vorhanden hat, wurde mit Schmalz verrührt und auf die Stelle geschmiert. Auch bestrich man mit der Sanikelwurzel Kratzer und kleinere Wunden, um keine Narben zu erhalten. Gegen Atemlosigkeit und Asthma wurden die Blätter in Schmalz gerührt und so einem Tee mit Milch hineingerührt und getrunken. Die Blätter und Wurzeln mischte man auch in Brusttee zur Stärkung der Lungen.

    Gegen Hals und Mundgeschwüren diente der Absud mit Rosenhonig zum Gurgeln. Daher gehörte der Sanikel zu den Kräutern, die Schweizer Tee genannt wurden. Es waren Kräuter mit denen man ein Gurgelwasser zubereitete, um Geschwüre im Mund- und Rachenraum zu behandeln. Ein Breiumschlag von dem in Weisswein gekochten Sanikelkraut und Wurzeln nahm man bei einem Nabelbruch.

    Gegen Quetschungen, Wunden und innerlichen Geschwüren wurde auch folgende Zubereitung damals empfohlen. Beinwellblätter, Sanikel, Ysop, Gundermann und Ehrenpreis von jedem eine halbe Handvoll. Zwei Liter kochendes Wasser über die zerkleinerten Wildpflanzen giessen und abgedeckt eine halbe Stunde stehengelassen. Danach abfiltern und 50 g Gundermann-Sirup hinzugeben. Von diesem Heilmittel hat man bis zu vier Gläser am Tag getrunken.

    Zu guter Letzt möchte ich euch noch zwei alte Bier-Rezepte, als Wundtrank vorstellen. Dafür wird ein gutes Bier und je eine Handvoll folgender Kräuter genommen, wie Waldsanikel, Goldrute, Wintergrün, Heilziest, Waldmeister, Ehrenpreis und Hirschzungenfarn. Diese Kräuter werden für eine Stunde in dem Bier auf kleinster Flamme geköchelt und morgens und abends jeweils 4 Esslöffel warm eingenommen.

    Für das andere Bier-Rezept nahm man Waldsanikel, Ehrenpreis, Erdbeerkraut, Beifuss, Hopfen, Brombeerblätter, Spitzwegerich, Salbei, kleines Immergrün, Ysop und Gänsefuss. Je eine Handvoll der Kräuter in guten Bier gekocht und fünf Esslöffel warm jeden Abend und Morgen eingenommen. Das waren Wundtränke Anno 1790 unserer Urgrosseltern.

    Nebenwirkungen

    Bitte immer VOR einer Einnahme den Arzt, Heilpraktiker oder in einer Apotheke vorsprechen. Auch Heilpflanzen können schwerwiegende Nebenwirkungen haben. Dazu bitte auch meinen Hinweis lesen.

    Der Waldsanikel Anno 1479
    Der Waldsanikel Anno 1479 | ©CG (bearbeitet)

    Der Waldsanikel im Brauchtum unserer Urgrosseltern

    In manchen Gegenden sammelte man den Waldsanikel am Himmelfahrtstag, welcher für das kranke Vieh dann gut sein sollte. Gegen Krätze trugen die Menschen die Sanikelwurzel bei sich am Körper.

    Im früheren Niedersachsen badete man kleine kraftlose Kinder in neunerlei Kräutern. Diese Kräuter waren der Eibisch, Waldsanikel, Beifuss, Wermut, Greiskraut, Salbei, Tausendgüldenkraut, Braunelle und Ehrenpreis. Man nahm je eine Handvoll dieser Kräuter und füllte sie in das Badewasser des schwachen Kindes. Es soll dadurch zu Kräften kommen.

    Der Waldsanikel war im alten christlichen Glauben dem Heiligen Lorenz geweiht. Dieser Heilige stand für einen altgermanischen Gott. Leider konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen, für welchen. Daher wird das Kraut auch St. Lorenzkraut genannt.


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